ERP-Trends 2026 und 2027: KI-Agenten, Composable Architektur und die Datenfrage
ERP-Kosten ERP-Kosten

ERP-Trends 2026 und 2027: KI-Agenten, Composable Architektur und die Datenfrage

15.04.2026 ERP

Was sich bei Auswahl und Betrieb von ERP-Systemen in den nächsten zwei Jahren verändert.

2024 entfielen rund 14 Prozent der Ausgaben für Cloud-ERP auf KI-fähige Funktionen. Bis 2027 sollen es 62 Prozent sein, so eine Prognose von Gartner. Diese Zahl beschreibt den Kern der ERP-Entwicklung in den nächsten zwei Jahren: Das ERP bleibt die Stelle, an der Vorgänge verbucht werden. Neu ist, dass es Entscheidungen vorbereitet, Vorschläge macht und einzelne Aufgaben selbst erledigt.

Für Unternehmen, die bis 2027 ein ERP auswählen oder ihr bestehendes weiterentwickeln, zählt damit eine andere Frage als noch vor wenigen Jahren: Wie gut sind die eigenen Prozesse, Daten und Verantwortlichkeiten auf automatisierte Entscheidungen vorbereitet? Verglichen mit den ERP-Trends 2022, die vor allem von Cloud und Mobilität geprägt waren, rückt jetzt in den Vordergrund, wie selbstständig ein System arbeitet.

Sieben Themen prägen diese Phase. Sie hängen enger zusammen, als die einzelnen Schlagworte vermuten lassen.

1. Eingebettete KI und Agentic AI im ERP

KI war im ERP lange eine Zusatzfunktion. Das ändert sich. Gartner erwartet, dass bis Ende 2026 rund 40 Prozent der Unternehmensanwendungen über aufgabenspezifische KI-Agenten verfügen, nach weniger als 5 Prozent zu Beginn des Jahres 2025. Im ERP übernehmen solche Agenten Routinen wie Rechnungsprüfung, Abstimmungen oder Teile des Onboardings und schlagen bei Abweichungen Korrekturen vor.

Die großen Anbieter bauen das in ihre Suiten ein. SAP bündelt unter dem Assistenten Joule nach eigenen Angaben mehrere Tausend KI-Funktionen, Oracle nennt mehrere Hundert Agenten in der Fusion Cloud (Anbieterangaben, zusammengefasst bei enersys). Für die Bewertung im Auswahlprozess sagt die reine Stückzahl wenig. Wichtiger ist, welche dieser Agenten an die eigenen Prozesse andocken.

Gartner warnt zugleich vor Agentwashing, also vor KI-Assistenten, die als Agenten verkauft werden, ohne eigenständig zu handeln. Wie GEBRA-IT Chancen und Grenzen von KI in der ERP-Entwicklung einordnet und wo sich KI mit einem Low-Code-Ansatz verbinden lässt, zeigen zwei frühere Beiträge.


    2. Cloud-ERP und Composable Architektur

    Cloud bleibt der Weg, über den Modernisierung läuft. Der Markt für Cloud-ERP soll zwischen 2022 und 2027 um rund 15,4 Milliarden US-Dollar wachsen (Technavio). Das Analystenhaus ISG erwartet, dass bis 2027 mehr als 80 Prozent der neu beschafften ERP-Systeme bei nicht produzierenden Unternehmen in der Cloud laufen.

    Parallel löst sich die monolithische Suite auf. Statt ein Gesamtsystem komplett auszutauschen, kombinieren Unternehmen einen stabilen Kern mit spezialisierten Anwendungen, die über Schnittstellen zusammenarbeiten. Gartner beschreibt diese Composable-Architektur als Standardfall: Bis 2027 sollen 60 Prozent der Unternehmen, die ihr ERP ablösen, vor allem auf Plattform- und Orchestrierungsfähigkeiten achten (Gartner, via CX Today). Unternehmen mit modularem Aufbau setzen neue Funktionen laut einer von Gartner zitierten Auswertung rund 80 Prozent schneller um als mit einer starren Suite (CIO).

    Für diesen Aufbau ist Low-Code zentral. Wie sich ein ERP-Standard ohne Eingriff in den Kern flexibel erweitern lässt und wie Cloud-ERP auf Low-Code-Basis aussieht, hat GEBRA-IT in eigenen Beiträgen beschrieben. Der modulare Weg senkt zugleich die Kosten für spätere Änderungen, ein Punkt aus dem Beitrag zu ERP-Kosten und TCO.

    3. Low-Code und konfigurierbares ERP

    Low-Code verschiebt, wer Anpassungen vornimmt. Das Magazin TechTarget erkennt eine Demokratisierung der ERP-Konfiguration als großen ERP-Trend. Low-Code wird zum Kernbestandteil der Composable-Architektur, weil Fachanwender in IT-Abteilungen und zum Teil in den Fachabteilungen Abläufe und Oberflächen anpassen können, ohne den Releasezyklus des Herstellers abzuwarten.

    Auch Gartner verbindet beides und beschreibt moderne Cloud-ERP-Systeme über ihre Low-Code-Flexibilität und modulare Zusammensetzbarkeit (Gartner). Im deutschen Mittelstand erwarten Anbieter, dass Unternehmen 2026 ihre Prozesse weitgehend selbst modellieren wollen (myfactory).

    Damit rückt eine Eigenschaft in den Vordergrund, die im Lastenheft oft hinter dem Funktionsumfang steht: die Konfigurierbarkeit durch die Fachabteilung. Was ein ERP an dieser Stelle leisten sollte, zeigt der Beitrag Was ein gutes ERP-System können muss; die Grundlagen des Ansatzes erklärt der Low-Code-Baukasten. Für Teams mit knappen IT-Ressourcen wird zudem der Citizen Developer zum Thema, also der Fachanwender, der einfache Anpassungen selbst übernimmt.

    4. Automatisierung, Vorhersagen und die Datenfrage

    Eingebettete KI geht über Auswertung hinaus. Sie automatisiert Abläufe, erkennt Auffälligkeiten in laufenden Prozessen und gibt Handlungsempfehlungen, etwa im Finanzbereich oder in der Lieferkette. Predictive Analytics auf Basis von Machine Learning soll Nachfrage, Liefersituationen oder Cashflow früher abschätzbar machen (TechTarget).

    An dieser Stelle liegt auch die größte Hürde. Laut einer Gartner-Prognose werden 2027 nur rund 30 Prozent der Organisationen über eine Datenqualität verfügen, die fortgeschrittene KI-Funktionen im ERP tatsächlich trägt. Ein großer Teil der gekauften KI-Funktionen bleibt ungenutzt, wenn Datenbasis, Governance und Change-Management fehlen. Noch deutlicher fällt eine weitere Schätzung aus: Bis 2027 sollen weniger als 10 Prozent der Unternehmen, die agentische KI im ERP einsetzen, daraus einen messbaren Nutzen ziehen.

    Für die Praxis heißt das, vor den Funktionen die Hausaufgaben zu machen: Stammdaten ordnen, Datenmodelle abstimmen, Zuständigkeiten festlegen. KI liefert erst dann Ergebnisse, wenn die Daten dahinter stimmen.

    5. Sicherheit, Compliance, E-Rechnung und Nachhaltigkeit

    Mit mehr Automatisierung steigen die Anforderungen an Sicherheit und Nachvollziehbarkeit. TechTarget nennt Zero-Trust-Modelle und KI-gestützte Angriffserkennung als wachsende Themen im ERP und verweist auf automatisierte Compliance-Werkzeuge, die die Audit-Vorbereitung erleichtern und Datenschutzvorgaben wie die DSGVO absichern.

    Für Deutschland kommen feste Termine dazu. Die E-Rechnung im B2B-Bereich wird schrittweise zur Pflicht, womit das ERP zur zentralen Stelle für Formate wie ZUGFeRD und XRechnung wird (myfactory). Parallel betrifft die Nachhaltigkeitsberichterstattung nach CSRD ab 2026 zunehmend den Mittelstand; das ERP muss dafür Emissions- und Verbrauchsdaten erfassen und auswerten können. Für Unternehmen aus Handel, Logistik und Lebensmittel rückt damit ein Teil der Regulatorik direkt ins ERP, etwa bei der digitalen Rechnung im Multi-Channel-Geschäft.

    6. Bedienung und rollenbasierte Assistenten

    Die Oberfläche wird zum Auswahlkriterium. Mittelstandsanbieter rechnen damit, dass jüngere Beschäftigte am Arbeitsplatz eine Bedienung wie aus Consumer-Apps erwarten (myfactory). Große Hersteller setzen auf rollenbasierte Oberflächen und mobile Nutzung; NetSuite nennt Cloud, Personalisierung, KI und mobilen Zugriff als prägende Themen.

    Statt eines allgemeinen Chatfensters entstehen Assistenten für einzelne Rollen, etwa für Einkauf, Lager oder Finanzen, mit eingebauter Nachvollziehbarkeit. Ob die Belegschaft die neuen Funktionen annimmt, hängt stark davon ab, ob diese Oberflächen zur jeweiligen Aufgabe passen. Gerade in Betrieben mit gemischten Tätigkeiten entscheidet das über die Akzeptanz.

    7. Governance: Was die Zahlen über das Scheitern sagen

    Mehr Autonomie verlangt klarere Regeln. Mit Agenten, die Buchungen anstoßen oder Bestellungen auslösen, werden Rollen, Berechtigungen und Protokollierung zu einem eigenen Projektbestandteil. Gartner fasst diese Anforderungen unter dem Stichwort AI TRiSM zusammen, also Vertrauen, Risiko und Sicherheit beim KI-Einsatz (Gartner).

    Die Zahlen zum Projekterfolg mahnen zur Sorgfalt. Laut Gartner werden bis 2027 mehr als 70 Prozent der kürzlich eingeführten ERP-Vorhaben ihre ursprünglichen Ziele nicht voll erreichen, bis zu 25 Prozent davon deutlich. Die genannten Gründe sind selten die Technik selbst: fehlende Datenqualität, zu starre Architektur und schwaches Change-Management.

    Damit schließt sich der Kreis zur Eingangsfrage. Über den Nutzen von KI-Agenten, Cloud und Automatisierung entscheidet 2026 und 2027 vor allem, ob drei Voraussetzungen stimmen: belastbare Daten, klare Verantwortlichkeiten und ein System, das sich von den Fachbereichen anpassen lässt. Das erklärt, warum modulare und konfigurierbare Ansätze in fast allen Prognosen auftauchen.

    Udo Hensen Udo Hensen

    Get in touch!

    Sie möchten wissen, ob die GEBRA-Suite zu Ihrem Unternehmen passt?

    Erleben Sie in einer Demo, wie Sie Projekte planen, steuern und auswerten, direkt anhand Ihrer eigenen Prozesse.